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 ein Stück mit Tanz und Film Bildern
 Alle auf einmal |
 auf ein Mal alle
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 Flashmob als eine Filmszene
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ALLE AUF EINMAL        
     AUF EIN MAL ALLE

Irene Sieben
Rechts oder links, West oder Ost? Der Zuschauerschwarm muss sich spontan entscheiden und darf heute nicht am Haupteingang einströmen, sondern wird zu einem Seitentürchen rechts gleich auf die Bühne der fabrik Potsdam manövriert. Wenn man hier in die Klemme gerät, hat die Politsatire zu 20 Jahren Wende „Alle auf einmal/Auf ein mal alle“ längst begonnen. Nun sitzt der geteilte Schwarm hüben oder drüben einer diagonal installierten Wand im Zentrum der Spielfläche, einer Mauer, wenn man so will, die trennt, für die Akteure aber auch durchlässig wird. Und jeder zweifelt nur eine halbe Stunde lang verzweifelt, ob diese Wahl wohl die richtige war. Wir kennen das: „...das Gras drüben, du weißt schon, viel grüner...“ Was die einen hier sehen, hören die anderen. Oder sehen sie was, was Du nicht siehst? Erst wenn die Hörenden zu Sehenden werden und umgekehrt, geht dem getrennten Schwarm ein Licht auf, dass alles, was hier geschah, auch drüben noch einmal abschnurrt und Hören in diesem Fall ein anderes Sehen hervorbringt. Wir verpassen also nichts, sehnen uns aber immer danach, was wir nicht zu haben scheinen. Ein tief menschlicher Konflikt.

Das (Tanz)Stück spielt in multimedialer Vielfalt mit dem Blick auf die zwei Seiten des Lebens, der Medaillen, des Leidens, der Landsleute, der Lager. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust, zwei Hirnhälften, geteilt durch den Gehirnbalken mitten im Kopf. Zwei Frauen als Antipoden, eine mit Schubkarre, Spitzen- oder Flamencoschuh, Original-DDR-Aktenordner balancierend (Paula E. Paul), die andere wie ihr Alter Ego Arien singend, behütend, auch opferbereit Schmerzen leidend, wenn der Zapateado auf ihrem Bauch hart ausgetragen wird (Julie Randall). Im Off seitlich am Mischpult: Sirko Knüpfer, der Bild-, Ton- und Texttüftler. Er spinnt die Fäden zwischen den Medien Wort, Klang und Tanz als Dramaturg. Als Installationskünstler hat er die Massen in Ost und West mit der Kamera beim öffentlichen Schlafen, Marathonlaufen, Hochhausrennen beobachtet oder sie am 4. Oktober 2009 zu einem flashmob auf die Glienicker Brücke anonym zusammengerufen, als „Agenten der Liebe“. Brav küssen sie sich wie Paare in Hollywood. Und das Publikum darf träumen – wie war das noch mit dem scharfen Ostwind und dem grüneren West-Gras?
Rückblick im eigenen Oberstübchen: Als die Mauer bröckelt, wird die Glienicker Brücke wieder das, wozu sie gedacht ist: Brücke der Einheit. Am ersten Tag der Vereinigung tuckern die Trabis zweitaktig von der westlichen Hälfte der Brücke, die im Osten liegt, zur östlichen Hälfte im vermeintlich goldenen Westen. Ihnen entgegen – umgekehrt in lautlosem Rundlauf – die fein polierten Westkarossen, heiß auf Potsdam und die abgeschottete Welt dort drüben. Nur dreimal – 1962, 1985 und 1986 – hatte die Welt auf dieses Grenzgebiet über der Havel geschaut, als bei Nacht und Nebel Agenten aus Ost und West die Lager wechselten. Paul & Knüpfer schubsen uns nun in die Erinnerungs-euphorie dieser erstaunlichsten aller deutschen Phänomene. Sie zeigen uns auch, wie Nostalgie dabei vermieden und die schräge Zweiteilung von Realitäts- und Wunschdenken bewusst gemacht werden.

Nostalgieverneidung geschieht im Gehen, im Drehen, im Augenblick, denn „fast hat man im Rückblick das Gefühl, als hätte das eigene Leben nicht seinen Anfang nehmen können, wenn man sich nicht in einem gewissen Moment zu drehen begonnen hätte“, so spricht Volker Demuth, der lakonische Raum-Poet, im Off. Im ironischen Memento auf mehr als 20 Jahre Verantwortung für das eigene Glück macht Paula Inventur: Die einzige Flamencotänzerin der DDR wetzt ihre Hufe und zieht wie Mutter Fourage mit Schubkarre durchs Land; Drehanfänge im ersten Tanzkleidchen, das Mutter nähte; Rebellion gegen das Sich-aufgeben in westlicher Inflation; Humor ist, wenn man alleine tanzt mit Stulle in der Jackentasche, auch ohne Jo Fabians Edelästhetik, die sie in West erst sichtbar machte, manchmal auch nur virtuell: jeden Montag mit einem spontan inszenierten Foto, ein Jahr lang in den Äther geschickt oder noch heute als Internetinstallation zur eigenen Freude abrufbar ( HYPERLINK "http://www.paulahoertauf.de" http://www.paulahoertauf.de/). Manches endet eben lakonisch mit "es.war.einmal." Auch mit der amerikanischen Sängerin Julie Randall gab es in sakralem Raum schon früher ein magisches Stelldichein („verloren im grünen“) mit ähnlichen Arien: Carmen, Dido oder Mignon, aus dem Land, wo die Zitronen blühen. Im Schatten der Mauer verschärft sich nun ihre Beziehung beim Dauerlauf um das west-östliche Spielfeld. Solidarität siegt in dieser verwirrenden Bestandsaufnahme. Paula E. Paul appelliert an die assoziative Kraft ihrer Zuschauer/-hörer, wenn sie sie – wie einst in ihrem „Dunkelstück“ – alleine lässt in ihrem Gedankenraum, mit scharf gespitzten Ohren. Tanz, respektive Flamenco, darf (auch) gehört werden wie ein Musikinstrument.

Paul & Knüpfer bedienen sich dabei sinnvoller Texte: der „Zyklomoderne“ des besagten Volker Demuth mit seiner „spatialen“ Art der Lyrik über rotierende Körper und die unmäßige Reizung des Gleichgewichtssinnes; oder der ätzend präzisen Sprache der Papierrestaurateurin Katharina Plate; oder sie zitieren, während schön gefilmte Gemüse-Models aus der BioCompany auf dem Fließband posieren, (Be)Kennertexte von Péter Nádas. Etwa so: „Mehrere Generationen lernten, als Ignoranten im Absurden zu vegetieren. Sie gaben an die nächste Generation die Erfahrung weiter, dass man im Interesse des eigenen Überlebens sogar die eigene Zukunft ignorieren muss. Und wenn sie das schon mal getan hatten, mussten sie auch sagen: So ist der Mensch eben, so böse, so niederträchtig. Der Rettich verbreitet in diesem Zustand großen Gestank.“
Gottlob riecht der geteilte Schwarm den Rettich nicht, er sieht oder hört: den herzzerreißenden Klagegesang der Dido, den scharf hackenden Flamencoschritt und das, was üblicherweise ungesehen bleibt, aber mit dem Live-Kamera-Scann im Blowup-Verfahren auf beiden Seiten gleichzeitig sichtbar gemacht wird: Haut, Haare, Falten, Ecken, Kanten und Tücken. Und bei allem Ernst der Lage breitet sich ein Grinsen aus über die Gewissheit, dass die Wahrheit über die Menschen in Ost und West in diesem Dschungel nie ans Licht kommen wird oder nur mit subversiven Subtexten und tänzerischer Ironie, wie dieser, verstanden werden könnte.
Irene Sieben